Delegiertentagung des Kreisbauernverbands Reutlingen: Landwirtschaft im Spannungsfeld von Energie, Politik und Markt
Münsingen/Dapfen. Der Kreisbauernverband Reutlingen hat am Samstag, den 29. November 2025 seine Delegiertentagung im Gasthaus Hirsch in Dapfen abgehalten. Vorsitzender Gebhard Aierstock begrüßte gut 40 Delegierte aus dem gesamten Landkreis. Neben agrarpolitischen Entwicklungen standen die Energiewende, Tiergesundheit und regionale Herausforderungen im Fokus.
In seinem Jahresbericht ging Gebhard Aierstock auf wesentliche Entwicklungen in der
Agrarpolitik und der Verbandsarbeit ein. Er kritisierte die weiterhin hohe Bürokratiebelastung
im Zuge der GAP, die Unsicherheiten in der Bundesagrarpolitik sowie die landesspezifischen
Anforderungen in Baden-Württemberg, die viele Betriebe vor zusätzliche Herausforderungen
stellen. Gleichzeitig warf er einen kritischen Blick auf die zunehmend volatilen Agrarmärkte:
Preisschwankungen, hohe Produktionskosten und zunehmende Importsensibilität setzten die
Betriebe stark unter Druck. Der Verband werde sich weiterhin für faire Rahmenbedingungen
und eine verlässliche Agrarpolitik einsetzen. Aierstock betonte, dass der Verband sich mit
seinen Fachleuten auf allen politischen Ebenen engagiert für faire Rahmenbedingungen
einsetze und die Interessen der Betriebe geschlossen vertrete.
Der Schwerpunkt der diesjährigen Tagung lag auf einem Fachvortrag von Dr. Dominik
Modrzejewski, der die Rolle der Photovoltaik in der Landwirtschaft beleuchtete. Er machte
deutlich, dass Dach- und Agri-PV-Anlagen wichtige zusätzliche Einkommensquellen darstellen
können und zur Energieunabhängigkeit der Betriebe beitragen. Zugleich warnte er vor einer
unkontrollierten Ausweitung von PV-Anlagen im Außenbereich. Angesichts knapper
landwirtschaftlicher Flächen sei eine sorgfältige planerische Abwägung unerlässlich, um die
landwirtschaftliche Produktion nicht zu beeinträchtigen und rechtliche Konflikte zu vermeiden.
Ein weiteres zentrales Thema war die zunehmend angespannte Situation am Strommarkt. Die
hohe Einspeisung von Solar- und Windenergie führt insbesondere in Zeiten geringer
Nachfrage immer häufiger zu einem Überangebot an Strom. Um diesen Entwicklungen zu
begegnen, regelt das Solarspitzengesetz vom Februar 2025, dass bei negativen Strompreisen
keine Vergütung für eingespeisten Solarstrom mehr gezahlt wird. Aus Sicht des
Kreisbauernverbands macht dies deutlich, dass der massive Ausbau netzdienlicher
Stromspeicher zwingend erforderlich ist, um erneuerbare Energien sinnvoll nutzbar zu halten
und die Landwirtschaft vor wirtschaftlichen Nachteilen zu schützen.
Einen umfassenden Überblick über aktuelle Entwicklungen im Bereich Tierseuchen und
Tierschutz im Landkreis gab Dr. Thomas Buckenmaier vom Kreisveterinäramt. Er hob die
anhaltenden Herausforderungen durch Afrikanische Schweinepest, Blauzungenkrankheit und
Vogelgrippe hervor, die Betriebe und Behörden weiterhin fordern.
Zudem berichtete er über Beanstandungen bei amtlichen Kontrollen, insbesondere im Bereich Tiertransporte. Hier seien tierschutzrechtliche Anforderungen und Dokumentationspflichten von großer Bedeutung, um Sanktionen zu vermeiden.
Von Seiten des Kreislandwirtschaftsamts berichtete Elke Weidinger über anstehende
Veranstaltungen, aktuelle Änderungen bei Förderprogrammen, Vorgaben der
Düngeverordnung und Aktivitäten zur „gläsernen Produktion“. Ziel dieser Maßnahmen sei es,
Verbraucher transparenter über Herkunft, Erzeugung und Qualität regionaler Lebensmittel zu
informieren und so das Vertrauen in die Landwirtschaft zu stärken. Weidinger betonte die
Bedeutung einer aktiven Kommunikation zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft, um
Vertrauen zu stärken und Missverständnisse abzubauen.
Zum Abschluss stellte der Vorstand den Jahresabschluss 2024 vor, der von den Delegierten
ebenso bestätigt wurde wie die Anpassung des Mitgliedsbeitrags.
Die Tagung machte deutlich: Landwirtschaft im Landkreis Reutlingen steht im Spannungsfeld
von Energiewende, politischen Vorgaben, Tiergesundheit und wirtschaftlichen
Herausforderungen. Der Kreisbauernverband will diesen Wandel aktiv begleiten und sich
weiterhin stark für die Interessen der bäuerlichen Familienbetriebe einsetzen.